Ist Prokrastination genetisch bedingt?

22/08/2019

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Viele Menschen haben die Tendenz zu prokrastinieren, d.h. auf später zu verschieben, was sofort erledigt werden könnte. Diese Neigung könnte eine genetische Ursache haben, so die Autoren einer am 3. Juli 2019 in der Zeitschrift „Social Cognitive and Affective Neuroscience“ veröffentlichten Studie.

Das Schlüsselelement, das Menschen dazu bringt, eine Aufgabe sofort auszuführen, besteht in der Fähigkeit, Kontrollmechanismen in Gang zu setzen, die gleichzeitig kognitiv, motivierend und emotional sind. Diese „Megakontrollmechanismen“ scheinen von dopaminergen Signalen abhängig zu sein. Im Fokus der Forscher steht das Tyrosin-Hydroxylase-Gen, kurz das TH-Gen. Je nach Beschaffenheit dieses Gens enthält das Gehirn der Probanden effektiv unterschiedliche Mengen des Neurotransmitters Dopamin.

Die Forscher untersuchten in dieser Studie 278 gesunde Erwachsene und unterzogen sie Aktionstests nach der Entscheidungsfindung. Die Autoren wiesen nach, dass der TH-Genotyp vom Geschlecht beeinflusst war. Frauen mit dem T-Allel hatten niedrigere Aktionswerte und neigten eher zum Prokrastinieren. Gleichzeitig hatten diese Frauen eine höhere TH-Aktivität und einen höheren Dopamin-Spiegel, was ihre Tendenz zu prokrastinieren steigern würde.

Nach Ansicht der Autoren der Studie könnte eine erhöhte TH-Aktivität und somit ein höherer Dopaminspiegel – wie er bei den T-Allelträgern beobachtet wurde – zu einer Steigerung der vom Arbeitsgedächtnis verarbeiteten Kontextinformationen führen. Dies hätte eine Neigung zur Prokrastination zur Folge. In Bezug auf die klinischen Auswirkungen ist es schwierig, die Bedeutung der Ergebnisse einzuordnen, da die Studie sich nur mit gesunden Probanden befasst hat. Interessant wäre dennoch die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen der Genaktivität, insbesondere der TH-Aktivität, und der Tendenz zum Prokrastinieren bei Patienten mit chronischem Dopaminmangel, wie z.B. bei der Parkinson-Krankheit.

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/31269206

Référence: Schlüter C, Arning L, Fraenz C, Friedrich P, Pinnow M, Güntürkün O, Beste C, Ocklenburg S, Genc E. Genetic Variation in Dopamine Availability Modulates the Self-reported Level of Action Control in a Sex-dependent Manner. Soc Cogn Affect Neurosci. 2019 Jul 3. pii: nsz049. doi: 10.1093/scan/nsz049. [Epub ahead of print]